Alan Bennett: Miss Fozzard findet ihre Füße

12. September 2011
Als er endlich wieder herunterkommt, sagt er: »Sie halten das Haus aber in Ordnung.« »Ich war mal Lehrerin«, sage ich. »Und was haben Sie unterrichtet?«, fragt er. »Kinder«, sage ich. »Haben Sie welche?«, fragt er. »Sieht es hier so aus?«, frage ich.

978-3-8031-1276-7Fortsetzung des Bandes Ein Kräcker unterm Kanapee,die beide im Original des Titel »Talking Heads«, also Redende Köpfe tragen. Auch diesmal handelt es sich um Monologe, hier sieben an der Zahl, darunter auch das erste Stück »Eine Frau ohne Bedeutung«, mit dem Bennett die Form begründet hat. Geschrieben wurden alle Talking Heads für die BBC. Dieses Mal sind die Monologisierenden:

  • eine Antiquitätenhändlerin, die das Geschäft ihres Lebens verpasst,
  • eine Verkäuferin, die mit ihren Füßen einen lukrativen Nebenerwerb findet,
  • ein Kinderschänder,
  • die reinliche Frau eines Serienmörders,
  • die botanisierende Gattin eines Voyeurs,
  • eine an Alzheimer Erkrankte und
  • »Eine Frau ohne Bedeutung«.

Auch in diesem Band sind die Monologe geprägt von stiller Tragik und Selbstvergessenheit der Hauptfiguren und beziehen ihre Kraft aus der unglaublichen Verblendung der Protagonistinnen, von der der Leser zugleich begreift, dass es gerade so in den Köpfen der meisten zugehen muss, damit ihnen ihre Existenz überhaupt erträglich ist.

Alan Bennett: Miss Fozzard findet ihre Füße. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Berlin: Wagenbach, 2011. Leinen, Fadenheftung, 138 Seiten. 15,90 €.

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Alan Bennett: Ein Kräcker unterm Kanapee

3. April 2010

978-3-8031-1268-2Sechs Monologe, darunter ein männlicher, die Alan Bennett im Jahr 1987 für die BBC geschrieben hat. Nachdem »Die souveräne Leserin« ein Erfolg in Deutschland geworden ist, werden nun auch die älteren Veröffentlichung Bennetts peu à peu ins Deutsche übersetzt. Die Sprecherinnen der Monologe sind:

  • ein psychotischer Sohn, der mit seiner Mutter in einer eheähnlichen Lebensgemeinschaft lebt,
  • eine Pfarrersfrau, die die Enge ihrer Ehe nicht erträgt,
  • eine Leserbriefschreiberin,
  • eine Nebendarstellerin,
  • eine Witwe, die langsam, aber sicher Bekanntschaft mit ihrem verstorbenen Ehemann macht und
  • eine alte Dame, die sich endgültig gegen ein Leben im Altersheim entscheidet.

Die Texte lassen hier und da den Humor Bennetts aufblitzen, sind aber insgesamt eher ernst gestimmt. Das folgende Zitat charakterisiert den Ton des Bändchens ganz gut:

Sie sollten aber nicht denken, dass meine Geschichte tragisch ist.

Pause.

Ich bin keine tragische Figur.

Pause.

Der Typ bin ich nicht.

Ausblenden zu schwach hörbarer Musik, vielleicht Johann Strauß.

Bennett begleitet das Bändchen mit einem Nachwort, in dem er sich selbst über einige motivischen Wiederholungen wundert, die ihm beim Lesen aufgefallen sind, und verfolgt einige dieser Motive auf ihre biografischen Quellen zurück. Sehr angenehm, wenn ein Autor seine Texte so lesen kann, als stammten sie von einem anderen.

Abgeschlossen wird das Bändchen mit einem Foto, auf dem Bennett sein Schwein Betty spazieren führt! Eine exzellentes Büchlein für zwischendurch.

Alan Bennett: Ein Kräcker unterm Kanapee. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Berlin: Wagenbach, 2010. Leinen, Fadenheftung, 139 Seiten. 15,90 €.

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Alan Bennett: Four Stories

23. Oktober 2008

bennett_storiesNach meiner viel zu späten Entdeckung Alan Bennetts mit The Uncommon Reader, das inzwischen auch in Deutschland die Bestsellerlisten erobert hat, habe ich nun erst einmal eine Sammlung von vier seiner früheren Erzählungen gelesen. Alle diese Erzählungen liegen bei Wagenbach auch auf Deutsch vor; ich gebe unten die entsprechenden Hinweise.

Enthalten sind:

  1. The Laying on of Hands (dt. Handauflegen) – die Geschichte einer Totenmesse, bei der sehr unterschiedliche Menschen überrascht feststellen müssen, welch großen und zugleich intimen Bekanntenkreis ihr Masseur gehabt hat. Und als dann Einzelne ihre Erinnerungen an den Verstorbenen mitteilen, droht die Versammlung kurzzeitig aus den Fugen zu geraten.
  2. The Clothes They Stood Up In (dt. Cosi fan tutte) – erzählt von einem älteren, konservativen englischen Ehepaar, das nach einem Opernbesuch feststellen muss, dass ihre Wohnung komplett ausgeraubt wurde. Es erweist sich, dass dieser Vorfall dem Leben zumindest der Ehefrau eine bis dahin unbekannte Dynamik verleiht.
  3. Father! Father! Burning Bright (dt. Vater, Vater, lichterloh) – berichtet von einem überforderten Lehrer, dessen Vater nach einem Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert wird und dort im Sterben liegt. Der Sohn verbringt Tage und Nächte voller Schuldgefühl am Bett des Vaters, nur um schließlich doch wieder den wesentlichen Augenblick zu verpassen.
  4. The Lady in the Van (dt. Die Lady im Lieferwagen) – ist die unglaubliche und offenbar autobiografische Erzählung Bennets über eine alte Dame ohne festen Wohnsitz, die in einem Lieferwagen lebt, den sie eines Tages in seinem Vorgarten parkt. Von da an ist sie seine ständige Nachbarin, nicht nur unglaublich lästig, unfreundlich und aufdringlich, sondern am Ende auch ein Beispiel für ein ganz wundersames, wildes Leben in der Zivilisation des 20. Jahrhunderts. Diese ganz kurze Erzählung ist zu Recht Bennetts berühmteste!

Alan Bennett: Four Stories. London: London Review of Books, 52006. Paperback, 282 Seiten. Ca. 12,40 €.

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Alan Bennett: The Uncommon Reader

27. Juni 2008

bennett_reader Der Titel spielt auf eine im angelsächsischen Raum recht bekannte zweibändige Essaysammlung Virginia Woolfs an, die The Common Reader überschrieben ist, was wiederum ein Zitat Dr. Johnsons ist. Im Mittelpunkt von Bennetts Erzählung steht nun allerdings eine äußerst ungewöhnliche Leserin: Queen Elizabeth II., die beim Gassigehen mit ihren Corgis hinter ihrem Palast zufällig auf einen Bücherbus stößt, der die Dienerschaft ihrer Majestät mit Lesestoff versorgt. Höflich, wie sie ist, betritt sie den Bus und trifft dort auf einen ihrer Küchenjungen, Norman Seakins. Und da sie nun einmal die Gelegenheit hat, entleiht sie als weiteres Zeichen ihrer königlichen Gnade einen Roman von Ivy Compton-Burnett, an deren Adelung sich die Königin noch gut erinnern kann.

Dies ist der Beginn einer neuen Beschäftigung der Queen: Zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren liest sie einen Roman, liest einfach nur, um zu lesen. Der junge Norman Seakins wird zum Pagen befördert und mit den königlichen Lektürewünschen betraut. Und Elisabeth II. wird zu einer leiderschaftlichen Leserin; bald sind ihr die öffentlichen Obliegenheiten und Repräsentationspflichten nur mehr lästig, und ihre Majestät kehrt bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu ihren Büchern zurück. Und als sei all dies nicht schon schlimm genug, denkt sie schließlich darüber nach, selbst ein Buch zu schreiben, etwas im Stil Prousts vielleicht …

Diese kleine Erzählung hat einen wundervollen Humor und transportiert auf ihren etwa 120 Seiten viele Erfahrungen, die jeder ernsthafte Leser im Verlauf seiner Lesegeschichte auch selbst gemacht hat. Sowohl der Widerstand des Hofstaates gegen das veränderte Verhalten der Königin, als auch das gänzliche Unverständnis der königlichen Familie, bieten einen wundervoll ironischen Blick auf das Haus Windsor – besonders Prinz Philip hat mir viel Freude gemacht:

‘We have a travelling library,’ the Queen said to her husband that evening. ‘Comes every Wednesday.’
‘Jolly good. Wonders never cease.’
‘You remember Oklahoma?’
‘Yes. We saw it when we were engaged.’ Extraordinary to think of it, the dashing blond boy he had been.
‘Was that Cecil Beaton?’ said the Queen.
‘No idea. Never liked the fellow. Green shoes.’
‘Smelled delicious.’
‘What’s that?’
‘A book. I borrowed it.’
‘Dead, I suppose.’
‘Who?’
‘The Beaton fellow.’
‘Oh yes. Everybody’s dead.’
‘Good show, though.’
And he went off to bed glumly singing ‘Oh, what a beautifül morning’ as the Queen opened her book.

Das Büchlein erscheint im August in deutscher Übersetzung unter dem Titel Die souveräne Leserin bei Wagenbach.

Alan Bennett: The Uncommon Reader. London: Faber and Faber, 2008. Paperback, 121 Seiten. Ca. 11,– €.

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