Archiv für Mai 2009

Zwei Thomas-Mann-Hörbücher

27. Mai 2009

Nach der großen Anstrengung des Doktor Faustus (1947) schrieb Thomas Mann noch zwei in Ton und Inhalt humoristische und leichte Romane: Der Erwählte (1951) und Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (1954). Letzteres blieb insoweit Fragment, als der veröffentlichte Text nur den ersten Teil der Pseudoautobiografie Krulls darstellt und eher unvermittelt abbricht. Dennoch handelt es sich bei den Bekenntnissen um den deutlich prominenteren Text, was sicherlich auch der sehr rasch erfolgten Verfilmung mit Horst Buchholz in der Hauptrolle geschuldet ist.

978-3-8291-1534-6Der Erwählte ist eine parodistische Neuerzählung des Gregorius des Hartmann von Aue. Es ist die Geschichte eines aus einem Geschwisterinzest hervorgegangenen Knaben, der als Kleinkind ausgesetzt, auf einer der Kanalinseln aufwächst und dort zum Geistlichen erzogen wird. Trotz dieser Ausbildung drängt es ihn, Ritter zu werden, was er auch durchsetzt, als er nach einem handgreiflichen Vorfall mit einem seiner Ziehbrüder von seiner unseligen Herkunft erfährt und die Insel verlässt. Er kehrt unwissentlich in seine Heimat zurück, befreit die Stadt, in der seine Mutter residiert, von einer Belagerung und heiratet im Anschluss seine Mutter, mit der er zwei Töchter zeugt. Als zufällig die verwickelten Verwandtschaftsverhältnisse zutage kommen, verpflichtet Gregor seine Mutter zur Aufgabe der Regierung und zu wohltätigem Dienst, während er selbst sich im Sünderhemd zu einem Exil auf einer winzigen Felseninsel verbannt, auf der er auf wundersame Weise von der Erde selbst genährt wird. Befreit wird er nach 17 Jahren von zwei römischen Gesandten, die sich nach göttlicher Vision auf die Suche nach ihm gemacht hatten, um ihn als Papst nach Rom zu führen.

Der märchenhafte Grundton dieser Erzählung ist bereits in der Vorlage zu finden und wird von Thomas Mann in ausschmückendem Stil und epischer Breite übernommen. Da schon Hartmann nicht die Absicht verfolgt, die Biografie eines konkreten Papstes zu schreiben, kann sich Thomas Manns Text gänzlich im Reich der Ironie bewegen. Kein Satz, keine Szene ist der Ernsthaftigkeit verpflichtet, alles bewegt sich im Spielerischen. Das Faszinierendste dürfte sein, dass der Text sogar dann parodistisch wirkt, wenn der Leser die Vorlage nicht kennt. Von allen Romanen Thomas Manns ist Der Erwählte vielleicht sein freiester und gelöstester überhaupt.

978-3-8291-1536-0 Bekenntnisse des Hochstapler Felix Krull ist im Gegensatz dazu keine Parodie eines konkretes Textes, sondern gleich eines ganzes Genres: des deutschen Entwicklungsromans. Auch hier hat die Parodie in der Hauptsache humoristische und keine literaturkritische Absicht. Erzähler ist der alte Felix Krull, der die Geschichte seines Lebens aufschreibt: Sohn eines Sektproduzenten aus dem Rheingau, der sich den Folgen eines Bankrotts durch Selbstmord entzieht, sieht er sich gezwungen, eine Stellung als Liftboy in Paris anzutreten. Er ist von auffallender Schönheit, und seine Neigung zu gehobener Sprache und Umgangsformen zeichnen ihn ebenso aus wie eine skrupellose Dreistigkeit bei Diebstahl und Betrug. Seine Karriere als Hochstapler beginnt im eigentlichen Sinne, als er einen luxemburgischen Marquis kennenlernt, der ein Double benötigt, das für ersatzweise für ihn eine von seinen Eltern angeordnete Reise nach Südamerika antritt. Felix reist also nach Lissabon, von wo aus er mit einem Schiff nach Argentinien fahren soll. Unterwegs macht er die Bekanntschaft deutschen Professors Kuckuck, der in Lissabon ein Museum leitet. Natürlich wird er auch in die Villa Kuckuck eingeladen, wo er sich sowohl in die Tochter als auch in die portugiesische Frau des Professors verliebt. Leider bricht der Roman gerade an dem Punkt ab, als Felix sowohl bei der Mutter als auch bei der Tochter zum Ziel gekommen ist. Aus dem Fragment heraus lässt sich leider nur vermuten, ob nicht die wirkliche Hochstapelei Krulls darin besteht, sich diesen fantastischen Lebenslauf zuzuschreiben.

Von beiden Büchern – so wie von zahlreichen anderen Romanen Thomas Manns – gibt es ungekürzte Lesungen Gert Westphals aus einer Zeit, als es das Hörbuch zumeist nur im Radio und nur ausnahmsweise als Audiocassette gab. Heute liegen diese Lesungen selbstverständlich auf CD vor, und es steht zu hoffen, dass auch hier bald MP3-Versionen eine kompakte und preisgünstige Alternative liefern. Westphal hat für meinen Geschmack eine ideale Stimme für die Texte Thomas Manns; er befindet sich stets auf der Höhe der Texte – einzig sein Englisch hat einen störenden Akzent – und macht Manns hier und da zu feisten Manierismus durch seine Sprechkunst durchsichtig  und erträglich. Nachdem ich in den letzten Jahren eher Schwierigkeiten hatte, mich mit Manns Spätwerk noch einmal anzunähern, haben diese beiden Hörbücher mir einen neuen Weg eröffnet, und ich werde es demnächst auch einmal mit der Westphalschen Lesung des Doktor Faustus versuchen.

Thomas Mann: Der Erwählte. Ungek. Lesung von Gert Westphal. Berlin: Universal/Deutsche Grammophon, 2005. 10 CDs mit zus. etwa 660 Minuten Laufzeit. Ca. 60,– €.

Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Ungek. Lesung von Gert Westphal. Berlin: Universal/Deutsche Grammophon, 2005. 13 CDs mit zus. etwa 990 Minuten Laufzeit. Ca. 75,– €.

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Allen Lesern ins Stammbuch (27)

18. Mai 2009

I plainly tell all my readers, except half a dozen, this treatise was not at first intended for them; and therefore they need not be at the trouble to be of that number. But yet if any one thinks fit to be angry and rail at it, he may do it securely; for I shall find some better way of spending my time than in such kind of conversation.

John Locke

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Max Frisch: Andorra

18. Mai 2009

978-3-518-36777-3 Der vorläufig letzte Teil der Max-Frisch-Auffrischung: Ein schon 1957 nicht besonders subtiles Stück zum Thema Antisemitismus, das in den vergangenen 50 Jahre nicht wirklich besser geworden ist. Die dramaturgische Grundkonstruktion ist ebenso wenig überzeugend wie die geradelinige und steife Psychologie der Figuren. Natürlich begegnet der Autor all diesen Einwänden mit der Behauptung, es handele sich bei dem Stück um »ein Modell«. Wovon es ein Modell sein soll, wird nicht so recht klar. Um eine Formulierung von Friedrich Dürrenmatt abzuwandeln: Bei Frisch klatschen alle, die keine Antisemiten sind oder keine Antisemiten sein wollen; hat sich das einmal herumgesprochen, klatscht alles. Kein Wunder, dass sich das Buch seit Jahrzehnten im Kanon deutscher Schullektüren hält. Das Beste, was sich noch über das Stück sagen lässt, ist, dass es die Vorlage zu Georg Kreislers Parodie Sodom und Andorra geliefert hat.

Max Frisch: Andorra. Suhrkamp Taschenbuch 277. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 662008. 126 Seiten. 5,50 €.

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Axel Hacke & Michael Sowa: Wumbabas Vermächtnis

16. Mai 2009

978-3-88897-555-4 Bevor ich eine Empfehlung für dieses Bändchen aussprechen kann, ist leider ein kleiner Exkurs über dessen Titel notwendig. Der erste Band der kleinen Reihe von Handbüchern des Verhörens trug den schlichten Titel Der weiße Neger Wumbaba. Dieser Titel entstand aus einem Verhörer des berühmten Gedichts Der Mond ist aufgegangen von Matthias Claudius, in dem es heißt:

Der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.

Die letzte Zeile führte zu dem poetischen Verhörer:

Der Wald steht schwarz und schweiget,
und aus den Wiesen steiget
der weiße Neger Wumbaba.

Nach dem Erscheinen des zweiten Bandes unter dem Der weiße Neger Wumbaba kehrt zurück kündigte Axel Hacke in einem Gespräch den dritten Band unter dem wundervollen Titel »Das Vermächtnis des weißen Negers Wumbaba« an. Wie wir nun sehen, ist der »weiße Neger« aber nicht noch einmal aufs Titelblatt zurückgekehrt. Warum?

Schon ein kurzer Blick auf die Kundenrezensionen bei amazon.de lässt erahnen, mit welcher Flut an politisch korrekten Reaktionen sich Autor und Verlag wohl haben herumschlagen müssen. Nun ist Politische Korrektheit eine besonders penetrante Erscheinungsform der Dummheit in unserer Zeit. Die Vertreter dieser Position sind der Überzeugung, dass sich bereits aus der Verwendung eines Wortes auf die Gesinnung seines Verwenders schließen lasse. Das mag in Einzelfällen vielleicht sogar stimmen; in den meisten Fällen aber dürften aber gerade die politisch Unkorrekten die wahren Adepten der Politischen Korrektheit sein. Denn Rassismus, Menschenverachtung, Umweltvernichtung und was der bösen Dinge mehr sind, lassen sich viel bequemer hinter einer politisch korrekten Fassade betreiben als mit einer politisch nicht korrekten Wortwahl. Dass einer »Neger« schreibt oder sagt, macht ihn noch nicht zum Rassisten, und dass einer stets »Schwarzer« sagt, garantiert nicht seine Toleranz. Es ist schade, wenn auch verständlich, dass Autor und Verlag den bequemen Weg gegangen sind und sich ihren Titel haben von den Politisch Korrekten verstümmeln lassen. Aber auf Deckel und Titelblatt ist er wenigstens noch zu sehen: der weiße Neger Wumbaba.

Wie dem auch sei, handelt es sich bei Wumbabas Vermächtnis um eine nette und lesenswerte Fortsetzung der beiden anderen Bändchen. Man sollte in einem solchen Fall nicht von Band zu Band eine Steigerung erwarten, sondern sich über jeden schönen Fund freuen, den Hacke seiner Sammlung hinzufügt: Ob Elvira España, Ladislav Bonita oder die vermissten Schweinespuren im Sand, sie alle verdienen unsere Sympathie. Mit diesem Bändchen beschließt Hacke die Reihe; sie wird sicherlich in diversen Internetforen bis auf weiteres fortgesetzt werden.

Axel Hacke & Michael Sowa: Wumbabas Vermächtnis. Drittes Handbuch des Verhörens. München: Antje Kunstmann, 2009. Pappband, Fadenheftung, 80 Seiten. 9,90 €.

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Frank Zumbach: Joyce’ Ulysses

14. Mai 2009

3-492-23138-1 Kurze Einführung in den Ulysses von James Joyce, deren Hauptintention in einer Hilfestellung für Erstleser liegt. Dafür ist das Büchlein gut geeignet, wenn es mir auch zu wenig systematisch ist. Auch das große Gewicht, das Zumbach auf die autobiografische Unterfütterung des Textes legt, scheint mir für eine solche Einführung verfehlt. Aber das sind Ansätze, die sich aus der jeweils individuellen Begegnung mit dem Ulysses ergeben; da muss am Ende jeder Leser seinen eigenen Gang gehen.

Der Hauptteil des Buches erzählt die Handlung des Ulysses kapitelweise nach. Das ist für Einsteiger wahrscheinlich die wichtigste Orientierungshilfe.  Auch die Anspielungen auf die Episoden der Odyssee und die Referenz der einzelnen Kapitel auf Körperteile und Organe erläutert Zumbach. Die Nacherzählungen sind hier und da etwas lückenhaft, an anderer Stelle, so etwa beim Circe-Kapitel, muss man der Leistung des Nacherzählers aber durchaus Respekt zollen.

Den einzigen wirklichen Mangel würde ich darin sehen, dass Zumbach ein Grundprinzip der Textgestaltung nicht deutlich genug herausarbeitet: Im Ulysses wird nicht die Form an den Inhalt angepasst, sondern die Form erzeugt den Inhalt. So ist es zum Beispiel nicht so, dass Bloom in Nausikaa nach Sandymount versetzt wird, weil die Familie Dignam dort wohnt, sondern die Familie Dignam wohnt dort, damit das nachfolgende Kapitel, Die Rinder des Sonnengottes, mit der Formel »Deshil Holles Eamus« beginnen kann. »Deshil« meint hier nämlich soviel wie »der Sonne entgegen«, englisch »sunward«, was zugleich eine Anspielung darauf ist, dass sich Leopold Bloom nun seinem geistigen Sohn Stephen Dedalus nähert. Daher muss Leopold Bloom nach Westen gehen, der untergehend Sonne entgegen, und deshalb verfrachtet ihn Joyce an den Strand von Sandymount. Es ist im Ulysses die Sprache, die die Fabel hervorbringt, nicht umgekehrt.

Unverständlich ist, warum das Bändchen nicht lieferbar ist, da offenbar eine erhebliche Nachfrage besteht. Bei Amazon werden derzeit für gebrauchte Exemplare Fantasiepreise von knapp 50,– € bis über 80,– € verlangt. Es sei an dieser Stelle nochmals beklagt, dass Suhrkamp Hugh Kenners Buch über den Ulysses – bei Amazon schon für 2,90 € zu bekommen – nicht mehr druckt, das meiner unmaßgeblichen Meinung nach immer noch die beste Einführung ins Buch liefert.

Frank Zumbach: Joyce’ Ulysses. Serie Piper 3138. München: Piper, 32004. 144 Seiten. 7,90 €.

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William Shakespeare: Das Wintermärchen

13. Mai 2009

978-3-89716-175-7 Merkwürdiges Alterswerk, in dem Shakespeare das mythische Gerüst der Komödie nahezu unverstellt durchscheinen lässt: Auf einen sechzehn Jahre alten Winter folgt nahezu übergangslos ein Frühlingsfest mit der verliebten und heiratswilligen nächsten Generation, ja, der Frühling ist so stark, das er sogar die vorgeblich verstorbene Hermione wieder ins Leben zurückzubringen vermag. Auch sonst ist das dramaturgische Gestell kaum verhüllt: Als etwa im dritten Akt König Leontes, von wahnhafter Eifersucht umfangen, den Orakelspruch aus Delphi als Lüge verwirft, stirbt hinter der Szene augenblicklich sein geliebter Sohn, was Leontes ebenso unmittelbar bekehrt. Nahezu alle Gelenkstellen des Stückes liegen so geradezu an der Oberfläche.

Was die große Form angeht, kann das Stück als eine Umkehrung von Romeo und Julia gelesen werden, wo Shakespeare höchste Wirkung damit erzielte, eine als Komödie angelegte Handlung in der Tragödie enden zu lassen. Im Wintermärchen ist alles auf eine Tragödie eingestimmt, wenn im vierten und fünften Akt plötzlich die Komödienhandlung einsetzt. Auch hier kann eine mächtige Wirkung erzielt werden, wenn ein Zusammenspiel der beiden Teile gelingt.

Allzu bekannt ist natürlich der berüchtigte Fehler der böhmischen Meeresküste; weniger bekannt scheint zu sein, dass das Stück nicht nur über eine imaginäre Geografie verfügt, sondern auch zugleich in allen Zeiten spielt, da es nahtlos das Orakel von Delphi mit der Arbeit des Raffael-Schülers Giulio Romano verbindet. Offenbar handelt es sich beim Wintermärchen nicht um den Versuch eines Vorgriffs auf den Naturalismus.

Zur der Übersetzung Frank Günthers ist hier an anderer Stelle schon etwas gesagt worden, was nicht wiederholt zu werden braucht. Der Band ist, wie alle dieser Ausgabe, zweisprachig, mit Anmerkungen versehen und durch zwei Essays (einer des Übersetzers, der andere von Ingeborg Boltz) abgerundet.

William Shakespeare: Das Wintermärchen. Zweisprachige Ausgabe. Übersetzt von Frank Günther. Cadolzburg: ars vivendi, 2008. Geprägter und bedruckter Leinenband, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 341 Seiten. 33,– €.

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Robert Menasse: Don Juan de la Mancha

3. Mai 2009

978-3-518-46040-5 Es lassen sich nur schwer zwei gegensätzlichere Liebhaber in der europäischen Literaturtradition ausmachen als Don Juan und Don Quixote de la Mancha. Wo der eine sich in der Flüchtigkeit der Lust verliert und schließlich seinem eigenen Mythos als Liebhaber kaum mehr nacharbeiten kann, minnt der andere um ein einfaches Bauernmädchen als seine Hohe Frau. Es stellt daher schon einen gewaltigen Anspruch her, den Protagonisten eines Romans mit einem Titel zu belasten, wie dieses Buch es tut.

Das Buch beginnt mit einem Paukenschlag. Erinnern Sie sich an den etwas dümmlichen »Wettbewerb« um den schönsten ersten Satz, den schließlich der Prosa-Tölpel Grass gewann? Robert Menasse hat in diesem Buch, wenn auch nicht den schönsten, so doch einen der impressivsten ersten Sätze geliefert:

Die Schönheit und Weisheit des Zölibats verstand ich zum ersten Mal, als Christa Chili-Schoten zwischen den Händen zerrieb, mich danach masturbierte und schließlich wünschte, dass ich sie – um es mit ihren Worten zu sagen – in den Arsch ficke.

Das hat ohne Frage Wucht und vertreibt gleich einmal alle feinsinnigen Leser (in diesem Fall natürlich auch ausdrücklich Leserinnen). Zusätzlich zu der – wahrscheinlich sogar beabsichtigten – Ambiguität, dass es sich bei Christa Chili-Schoten auch um einen Doppelnamen handeln könnte, ist der Satz zugleich obszön und blasiert, was für das Buch einiges hoffen ließ.

Leider hält der Autor das hier versprochene Niveau nicht. Don Juan de la Mancha ist der Roman eines ziemlich durchschnittlichen Kaspers, der mit seiner Ehe unzufrieden und von seinem Job als Lifestyle-Journalist angeödet ist, in seinen paar Affären unbefriedigt bleibt – ich habe das ganze Buch hindurch vermutet, weil er zu fantasielos ist, um seinen Fetisch zu finden; aber selbst darauf kommt der Autor nicht –, seiner Analytikerin Lügen auftischt, in eine tiefe Depression verfällt, als er seinen ungeliebten Job verliert und schließlich … Ja, was eigentlich schließlich? In die ihm angemessene langweilige Normalität zurückkehrt und aus der Literatur verschwindet.

Wahrscheinlich habe ich das Buch nicht verstanden. Wahrscheinlich verstehe ich den Humor des Autors nicht. Hier und da habe ich schon mal müde gegrinst:

Aber [Philip] Roth ist doch ein großer Realist: Ich las bei ihm den Satz »Da läutete das Telefon« – und es läutete das Telefon.

Zwischendurch setzt es mal ein Kleinkapitel, das den Eindruck macht, als habe auch der Autor sein Gekasper über:

Meine Frau ist mit dem Flugzeug abgestürzt.
Was erzählen Sie da, sagte Hannah, bitte Nathan, was erzählen Sie da?
Ja, erzählen, sagte ich. Ich wusste nicht mehr, wohin mit ihr.

Aber auch solche vereinzelten Perlen retten den Roman nicht. Er wird weder dem grandiosen Anspruch des Titels gerecht, noch hat er es auf andere Weise vermocht, mein Interesse zu fesseln. Zwischendurch kam in mir immer wieder einmal der Verdacht auf, er könne als Parodie oder gar Satire gemeint sein. Aber dann wusste ich nicht, was hätte parodiert werden sollen, und für eine Satire ist es deutlich zu geschwätzig und harmlos.

Aber, wie gesagt: Vielleicht habe ich auch einfach nur die Stellen zum Lachen überlesen …

Robert Menasse: Don Juan de la Mancha. Suhrkamp Taschenbuch 4040. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2009. 275 Seiten. 8,90 €.

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Miniaturen (10)

3. Mai 2009

Weil ich Tante Lia erwähnt hatte. Sie starb just in dieser Zeit, als sich Martina und ich trennten. In ihrem Testament hatte sie verfügt, dass ich ihre Briefmarkensammlung erbe. Ich musste bei einem Notar etwas unterschreiben, bekam ein kleines Paket ausgehändigt. Das Briefmarkenalbum. Darin vier österreichische Marken und eine Ansichtskarte aus Tel Aviv, auf der stand: »Öfter hast Du nicht geschrieben! Dir möcht ich beibringen Familiensinn! Deine Dich liebende Tante Lia.«

Robert Menasse: Don Juan de la Mancha

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Ruth Klüger: unterwegs verloren

1. Mai 2009

978-3-552-05441-7 Eine alte Frau schreibt ihre Erinnerungen auf. Sie ist Überlebende des Holocaust, hat ein Buch über diese Erfahrung geschrieben, das ein Bestseller geworden ist in Deutschland und dann auch in der Welt. Nun wird uns eine Fortsetzung angeboten. Woran erinnert sie sich? Da hat sie einer nicht gegrüßt, als er ihr Haus betrat. Ein anderer hat sie nicht in seinem Seminar haben wollen. Ein dritter hat sie zwar gefördert, sie aber nicht so ernst genommen, wie sie ernst genommen werden wollte. Wieder andere haben ihr nicht das soziale Umfeld bereitet, das sie sich erhofft hatte. Noch andere haben sie als berufliche Konkurrentin wahrgenommen und behandelt. Sie alle stehen unter dem Generalvorwurf, zumindest Frauenfeinde zu sein, wahrscheinlicher aber Antisemiten.

Warum war ich ihnen zuwider? Frau oder Jüdin? Zufall war’s nicht …

Und dann steht da plötzlich dieser eine Satz:

Ich frage mich allerdings, warum die Frauen immer meinen, sie könnten es besser als ihre Vorgängerinnen, anstatt sich vor geschiedenen Männern zu hüten.

Ein solcher Satz kann einem ein ganzes Buch zerschlagen. Das ist von einer so bodenlosen zwischenmenschlichen Dummheit, dass ich ganz fassungslos werde. Das schreibt eine Frau, deren Söhne angeblich nichts mehr mit ihr zu tun haben wollen, deren Schwiegertochter jeden Kontakt mit ihr vermeidet, deren Enkel ihr zu distanziert sind, mit der die meisten Kollegen keinen Umgang haben wollten und der dennoch eines ganz sicher ist: Am Scheitern von Ehen sind die Männer schuld, und wem einmal eine missraten ist, der trägt ein Stigma.

Der Autorin selbst ist hier kein Vorwurf zu machen, aber denen, die mit ihrer Bekanntheit Geld verdienen, die nicht eingegriffen haben, das Manuskript nicht behutsam zur Seite gelegt haben, sondern die es gedruckt haben in dem klaren Bewusstsein, damit einen Bestseller zu produzieren. Das ist ekelerregend, und es ist verächtlich. Ich habe selten ein so peinliches Buch in der Hand gehabt.

Ruth Klüger: unterwegs verloren. Erinnerungen. Wien: Zsolnay, 2008. Pappband, 238 Seiten. 19,90 €.

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