Archiv für das Themengebiet 'Dramen'

Max Frisch: Andorra

18. Mai 2009

978-3-518-36777-3 Der vorläufig letzte Teil der Max-Frisch-Auffrischung: Ein schon 1957 nicht besonders subtiles Stück zum Thema Antisemitismus, das in den vergangenen 50 Jahre nicht wirklich besser geworden ist. Die dramaturgische Grundkonstruktion ist ebenso wenig überzeugend wie die geradelinige und steife Psychologie der Figuren. Natürlich begegnet der Autor all diesen Einwänden mit der Behauptung, es handele sich bei dem Stück um »ein Modell«. Wovon es ein Modell sein soll, wird nicht so recht klar. Um eine Formulierung von Friedrich Dürrenmatt abzuwandeln: Bei Frisch klatschen alle, die keine Antisemiten sind oder keine Antisemiten sein wollen; hat sich das einmal herumgesprochen, klatscht alles. Kein Wunder, dass sich das Buch seit Jahrzehnten im Kanon deutscher Schullektüren hält. Das Beste, was sich noch über das Stück sagen lässt, ist, dass es die Vorlage zu Georg Kreislers Parodie Sodom und Andorra geliefert hat.

Max Frisch: Andorra. Suhrkamp Taschenbuch 277. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 662008. 126 Seiten. 5,50 €.

Tags: Dramen, , , ,

William Shakespeare: Das Wintermärchen

13. Mai 2009

978-3-89716-175-7 Merkwürdiges Alterswerk, in dem Shakespeare das mythische Gerüst der Komödie nahezu unverstellt durchscheinen lässt: Auf einen sechzehn Jahre alten Winter folgt nahezu übergangslos ein Frühlingsfest mit der verliebten und heiratswilligen nächsten Generation, ja, der Frühling ist so stark, das er sogar die vorgeblich verstorbene Hermione wieder ins Leben zurückzubringen vermag. Auch sonst ist das dramaturgische Gestell kaum verhüllt: Als etwa im dritten Akt König Leontes, von wahnhafter Eifersucht umfangen, den Orakelspruch aus Delphi als Lüge verwirft, stirbt hinter der Szene augenblicklich sein geliebter Sohn, was Leontes ebenso unmittelbar bekehrt. Nahezu alle Gelenkstellen des Stückes liegen so geradezu an der Oberfläche.

Was die große Form angeht, kann das Stück als eine Umkehrung von Romeo und Julia gelesen werden, wo Shakespeare höchste Wirkung damit erzielte, eine als Komödie angelegte Handlung in der Tragödie enden zu lassen. Im Wintermärchen ist alles auf eine Tragödie eingestimmt, wenn im vierten und fünften Akt plötzlich die Komödienhandlung einsetzt. Auch hier kann eine mächtige Wirkung erzielt werden, wenn ein Zusammenspiel der beiden Teile gelingt.

Allzu bekannt ist natürlich der berüchtigte Fehler der böhmischen Meeresküste; weniger bekannt scheint zu sein, dass das Stück nicht nur über eine imaginäre Geografie verfügt, sondern auch zugleich in allen Zeiten spielt, da es nahtlos das Orakel von Delphi mit der Arbeit des Raffael-Schülers Giulio Romano verbindet. Offenbar handelt es sich beim Wintermärchen nicht um den Versuch eines Vorgriffs auf den Naturalismus.

Zur der Übersetzung Frank Günthers ist hier an anderer Stelle schon etwas gesagt worden, was nicht wiederholt zu werden braucht. Der Band ist, wie alle dieser Ausgabe, zweisprachig, mit Anmerkungen versehen und durch zwei Essays (einer des Übersetzers, der andere von Ingeborg Boltz) abgerundet.

William Shakespeare: Das Wintermärchen. Zweisprachige Ausgabe. Übersetzt von Frank Günther. Cadolzburg: ars vivendi, 2008. Geprägter und bedruckter Leinenband, Fadenheftung, zwei Lesebändchen, 341 Seiten. 33,– €.

Tags: Dramen, , , , , ,

He, Joe, Quadrat I und II, Nacht und Träume, …

19. Dezember 2008

beckett_he_joeIn den gedruckten Werken Samuel Becketts gab es bis dato immer eine Werkgruppe, deren Präsentation unbefriedigend blieb. Anders als bei den Dramen Becketts hatte man bei den Texten, die jene späten, in Zusammenarbeit mit dem SDR entstandenen Fernsehstücke repräsentierten, stets den Eindruck, hier würde etwas Wesentliches fehlen. Das lag zum einen an der offensichtlichen Tatsache, dass Beckett bei ihnen auch selbst Regie geführt hatte und also die späten Stücke direkt auf diese spezielle Produktionssituation hingeschrieben hatte. Beckett hatte daher wohl bereits beim Schreiben ein bestimmtes visuelles Konzept für diese Stücke vor Augen, das den reinen Text überstieg. Zum anderen waren die Stücke zum Teil so grundsätzlich visuell – und zum Teil auch akustisch – fundiert, dass Texte prinzipiell unzureichend zur Darstellung bleiben mussten. Diese Lücke schließt nun eine DVD aus der filmedition suhrkamp.

Becketts Fernsehstücke wurden zwischen 1965 und 1985 beim SDR in direkter Zusammenarbeit mit dem Autor produziert und – zumeist zu später Stunde – in den 3. Programmen gesendet. Ich selbst kann mich gut an den umwerfenden Eindruck erinnern, den Quadrat I und II auf mich gemacht haben, als ich es noch zur Schulzeit gänzlich zufällig im Fernsehen gesehen habe. Ich hatte dergleichen nie gesehen und dennoch war mir das Stück unmittelbar einleuchtend. Von Beckett kannte ich zu der Zeit nur Warten auf Godot – dessen Komödien-charakter mir ebenso unvermittelt klar gewesen war – und ein weiteres Theaterstück, wahrscheinlich Glückliche Tage, zu dem ich aber keinen Zugang gefunden hatte. Erst das Erlebnis von Quadrat I und II löste meine erste intensive Auseinandersetzung mit Beckett aus, den ich bis heute für einen der bemerkenswertesten Autoren des vergangenen Jahrhunderts halte.

Die DVD enthält alle vom SDR produzierten Fernsehstücke. Das sind im Einzelnen (mit Jahr der Erstaustrahlung):

  • He, Joe (1966)
  • Schatten (1977)
  • Geister-Trio (1977)
  • … nur noch Gewölk … (1977)
  • Not I (1977)
  • He, Joe (1979)
  • Quadrat I und II (1981)
  • Nacht und Träume (1983)
  • Was Wo (1986)

Ergänzt werden die Filme durch den umfangreichen Essay Erschöpft von Gilles Deleuze (in deutscher Übersetzung durch Erika Tophoven), der schon 1992 eine französische Ausgabe der Fernseharbeiten Becketts begleitet hatte. Qualitativ vermitteln die Filme in etwa den Eindruck, den sie auch bei ihrer Erstausstrahulung gemacht haben dürften; von einer digitalen Überarbeitung hat man offenbar abgesehen.

Samuel Beckett: He, Joe, Quadrat I und II, Nacht und Träume, Geister-Trio … filmedition suhrkamp Nr. 3. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2008. 1 DVD (Länge: 156 Min.) und 1 Begleitheft (60 Seiten). 19,90 € (unverbindliche Preisempfehlung).

Tags: Dramen, Inszenierungen, ,

Auschwitz auf der Bühne

4. Dezember 2008

weiss_ermittlung_dvd Am 20. Dezember 1963 wurde das Hauptverfahren im 1. Frankfurter Auschwitz-Prozess eröffnet. Es wurden insgesamt 183 Verhandlungstage bis zum 20. August 1965. Bereits am 05. Mai 1965 informiert der Suhrkamp Verlag in einem Rundschreiben darüber, dass er Die Ermittlung von Peter Weiss zu einer »allgemeinen Uraufführung am 19. Oktober« freigebe. Dies führte zu einer sogenannten Ringuraufführung an insgesamt 15 Theatern in der BRD (4 Bühnen) und der DDR (11 Bühnen). Eine dieser Aufführungen war eine szenische Lesung der ostdeutschen Akademie der Künste im Saal der DDR-Volkskammer in Berlin. Diese Lesung, die unter Beteiligung beträchtlicher Prominenz stattfand, hat sowohl in der DDR als auch in der BRD – verständlicherweise unter verschiedenen Vorzeichen – eine große Resonanz erzeugt. Das Fernsehen der DDR hat die Lesung komplett aufgezeichnet und sowohl in Ausschnitten als auch komplett ausgestrahlt.

Die Bundeszentrale für politische Bildung hat nun in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Rundfunkarchiv in Potsdam und der Akademie der Künste Berlin eine verdienstvolle Doppel-DVD herausgebracht: Eine DVD-ROM enthält eine ausführliche Dokumentation (Texte, Hör- und Video-Dokumente) zur Entstehung des Stückes, der szenischen Lesung in der Volkskammer im besonderen, des gesellschaftlichen, politischen und kulturkritischen Umfelds der Aufführungen sowie der Debatten vor und nach den Aufführungen sowohl im Osten als auch im Westen. Eine Video-DVD präsentiert die komplette Lesung in der Volkskammer. Die Dokumentation ist erstaunlich reichhaltig und zeigt, dass nur wenige Stimmen sich dem allgemeinen Tenor der Diskussion entzogen haben. Im Westen war die Diskussion durch die Kritik bestimmt, dass das Stück das Thema Auschwitz unzureichend behandle, wenn auch hier und da der Hinweis fällt, dass das Stück das Phänomen Auschwitz gar nicht behandle, sondern den Frankfurter Prozess. Im Osten dagegen ermüdet bald der Hinweis darauf, dass eigentlich die westdeutsche Großindustrie auf die Anklagebank gehöre, so richtig auch der Prozess gegen die Angeklagten gewesen sein, wenn auch die Strafen zu milde ausgefallen seien. Hier und da finden sich allerdings durchaus auch originelle und weiterführende Gedanken.

Kulturhistorisch stellt die Auseinandersetzung mit dem Stück von Peter Weiss einen wichtigen Schritt in der BRD-Debatte der 60er-Jahre über die Bewältigung der NS-Vergangenheit dar. Besonders die nur wenige Jahre später sich ausbildende Studenten- und Jugendbewegung hat aus dem Mangel der Elterngeneration, sich diesem Thema zu stellen, einen erheblichen Anteil ihrer Dynamik bezogen. Es ist daher sehr spannend zu verfolgen, wie sich nur wenigen Jahre zuvor das etablierte und das kritische Kulturmanagement mit dieser Frage auseinandergesetzt hat.

Da die beiden DVDs zum Spottpreis von 6,– € inklusive Versand von der Bundeszentrale für politische Bildung angeboten werden, ist jeder und jedem ans Herz zu legen, sich diese Doppel-DVD zu besorgen!

Auschwitz auf der Bühne. Peter Weiss | »Die Ermittlung« in Ost und West. Hg. v. der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) in Kooperation mit dem Deutschen Rundfunkarchiv Potsdam und der Akademie der Künste Berlin. 2 DVDs. 6,– €.

Die DVD-ROM bedarf keiner Installation. Sie läuft ab Windows 2000 bzw. MAC OS X ab 10.3.8, Prozessor ab Pentium 2 bzw. Apple Power PC G4, Arbeitsspeicher ab 256 MB. Texte können als pdf exportiert werden, aus denen dann per cut & paste Textzitate kopiert werden können.

Tags: Dramen, Inszenierungen, , , , , , ,

Torquato Quatscho

14. Mai 2007

goethe.jpgIch gehe nicht mehr oft ins Theater. So mehr als zwei oder drei Mal im Jahr sind es nicht. Zumeist gehe ich in Stücke, die ich gut kenne, von Autoren, die ich gut kenne. Deshalb gehe ich wahrscheinlich so selten ins Theater.

Heute war ich in »Torquato Tasso« in Recklinghausen; ich mag nicht sagen, in Goethes »Torquato Tasso«, denn dass die Schaupieler Text von Goethe sprachen, erschien mehr als Zufall. Eine ¾ Stunde bin ich geblieben, dann war es genug – ich wusste ja, wie das Stück ausgeht.

Goethe hat zwischen 1780 und 1789 langsam und gründlich einen ruhigen und diffizilen Text geschrieben, ihn sorgfältig immer wieder erwogen, sich am Ende große Mühe gemacht mit drei noch zu schreibenden Szenen, die nicht und nicht geraten wollten. Das Stück hat ihm am Herzen gelegen. Er selbst hat nicht geglaubt, dass es für die Bühne sei – und er verstand etwas von der Bühne, wenigstens der seiner Zeit, denn er war lange Zeit Intendant. Als ihn die Weimarer Schauspieler schließlich damit überrumpelten, dass sie die Rollen einfach schon gelernt hatten, hat er doch noch eingewilligt, aber eine Streichfassung erstellt, die dann schließlich gespielt werden durfte. Dass es gut sei, das Stück zu spielen, hat er dennoch nicht geglaubt. Und dabei kannte er nicht ’mal das moderne Regietheater. Weiterlesen »

Tags: Dramen, Inszenierungen

William Shakespeare: König Richard II. (Übersetzung: Frank Günther)

16. Mai 2006

Shakespeare: König Richard II.Frank Günthers Neuübersetzung des Shakespeareschen Gesamtwerks bringt seit einigen Jahren mit bewundernswerter Regelmäßigkeit etwa vier Bände pro Jahr hervor. Derzeit liegen 23 Bände von geplanten 39 vor; die Bände sind vorzüglich ausgestattet: Ein angenehm ganz leicht gelbliches Werkdruckpapier, ein silbergrauer Leineneinband mit für jeden Band individueller zweifarbiger Prägung, deren Motiv sich auf dem Vorsatzpapier wiederholt und zwei Lesebändchen in den Farben des Vorsatzes. Neben dem exklusiven Inhalt schlägt diese Ausstattung mit 25 bzw. 28 € pro Band zu Buche, von denen allerdings bei Subskription des Gesamtwerks noch 15 % nachgelassen werden.

Alle Bände liefern den kompletten englische Text und die Neuübersetzung Günthers auf gegenüberliegenden Seiten und einen umfangreichen Anhang mit ausführlichen Erläuterungen, Nachrichten des Übersetzers »aus der Übersetzerwerkstatt« zum jeweiligen Band und einem Essay eines Shakespeareforschers, der sich mit der Entstehung, den Quellen, der zeitgeschichtlichen Einordnung und der Rezeption des Werkes beschäftigt. Von Geschmacksfragen im Einzelnen abgesehen, kann diese Edition nur als vorbildlich bezeichnet werden.

Weiterlesen »

Tags: Dramen