Émile Zola: Seine Exzellenz Eugène Rougon

27. August 2010

zola_rougonNach dem Experiment mit symbolistischen Elementen in »Die Sünde des Abbé Mouret« kehrt der nächste Roman der Rougon-Macquart zum gesellschaftlichen und politischen Hauptthema des Zyklus zurück: Wie der Titel schon anzeigt, steht in »Seine Exzellenz Eugène Rougon« jener Sohn Pierre Rougons und seiner Frau Félicité im Zentrum, der sowohl in »Das Glück der Familie Rougon« als auch in »Die Beute« als einflussreiche Figur im Hintergrund agierte und wohl auch in »Die Eroberung von Plassans« zu den fernen, geheimen Drahtziehern des Geschehens gehörte.

Eugène Rougon ist einer jener politischen Abenteurer, die beim Staatsstreich Napoleon III. mit nach oben gespült wurden. Wir finden ihn am Anfang des Romans, im Jahr 1856, bei seinem vorläufigen Abgang von der politischen Bühne: Er tritt als Präsident des Staatsrates wegen einer eher unerheblich erscheinenden Konfrontation mit der Kaiserin zurück. Rougon ist umgeben von einer Clique politischer Schmarotzer, die von ihm zahlreiche Gefälligkeiten erwarten, die nun durch seinen zeitweiligen Sturz gefährdet erscheinen. Darunter befindet sich auch die italienische Gräfin Balbi, deren Tochter Clorinde offensichtlich auf der Suche nach einem passenden Ehemann ist.

Zwischen Rougon und Clorinde entwickelt sich eine spannungsreiche Beziehung, die allerdings nicht zu einer Affäre gerät, da Rougon dies dadurch verhindert, dass er Clorinde mit einen seiner politischen Vasallen verkuppelt. Dennoch bleibt Clorinde auch weiterhin die einzige Leidenschaft Rougons außer der Macht.

Nach dem Orsini-Attentat am 14. Januar 1858 wird Rougon vom Kaiser zum zweiten Mal in das Amt des Innenministers berufen, in dem er seine Machtbesessenheit weitgehend rücksichtslos auslebt. Sein Programm besteht in der möglichst vollständigen Unterdrückung politischer Freiheiten und der Bekämpfung der Republikaner. Aber auch seine alten Freunde vergisst er nicht, wobei es gerade diese Vetternwirtschaft ist, die letztlich als Vorwand für seinen erneuten politischen Sturz dient. Nach nur fünf Monaten muss Rougon – in der Hauptsache aufgrund einer Intrige Clorindes – erneut die politische Bühne verlassen, aber auch diesmal ist sein Abgang nur vorläufig. Das letzte Kapitel des Romans zeigt uns Rougon 1861, also drei Jahre später, als er als frisch berufener Minister ohne Portefeuille im Corps législatif in einer großen Rede die kaiserliche Politik verteidigt.

Zola porträtiert in Eugène Rougon einen neuen, bürgerlichen Typus von Politiker, wie er ihn für das Zweite Kaiserreich für exemplarisch hielt: Einen Mann mit großen Machtinstinkt, aber geringer Bildung – Rougon bezeichnet sich mehrfach als einfachen Bauern, dessen Ideal eine absolute Herrschaft über Hof und Vieh darstellt –, der von Napoleon III. als fügsames, nützliches Instrument seiner Herrschaft eingesetzt wird. Rougon ist ein Mann ohne Geist oder Bildung und – abgesehen von seiner Leidenschaft für Clorinde, der er selbst versucht, die Spitze zu nehmen – mit nur einem einzigen Begehren, dem nach Macht. Den Mangel an Geist und Bildung ersetzt ein sicherer Instinkt für Menschenführung. Rougon betreibt keine Politik der Ziele, verfolgt kein anderes Programm als das der Herrschaft über andere, kennt kein politisches oder moralisches Ideal als das einer hündischen Loyalität zu seinem Herrscher, die aber auch nur als Mittel erscheint, selbst Herrschaft über andere zu erlangen. Rougon hat keine Freunde und keine familiären Bindungen, die ihn berühren; beinahe macht es den Eindruck, dass sein politischer Widersacher de Marsy die einzige Person ist, mit der ihn eine Emotion, Respekt, verbindet. Er ist ein Primitiver, eine kultureller Barbar, der in der Lust an seiner Funktion vollständig aufgeht.

»Seine Exzellenz Eugène Rougon« war einer der erfolglosesten Romane des Zyklus, vielleicht auch deshalb, weil sein Protagonist notwendig ein eindimensionaler, abstoßender und letztendlich langweiliger Charakter werden musste. Es gehört zu Zolas Qualitäten, sich in diesem Punkt nicht nach dem Geschmack der Mehrheit der Leser gerichtet zu haben.

Émile Zola: Die Rougon-Macquart. Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem zweiten Kaiserreich. Hg. v. Rita Schober. Berlin: Rütten & Loening, 1952–1976. Digitale Bibliothek Bd. 128. Berlin: Directmedia Publ. GmbH, 2005. 1 CD-ROM. Systemvoraussetzungen: PC ab 486; 64 MB RAM; Grafikkarte ab 640×480 Pixel, 256 Farben; CD-ROM-Laufwerk; MS Windows (98, ME, NT, 2000, XP oder Vista) oder MAC ab MacOS 10.3; 256 MB RAM; CD-ROM-Laufwerk. 10,– €.

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Allen Lesern ins Stammbuch (36)

27. August 2010

In der Bibliothek war niemand. Die Bücher schliefen in ihren eichenen Schränken; völlig leer, stellten die beiden großen Tische den Ernst ihrer grünen Decken zur Schau; an den Armlehnen der Sessel, die in tadelloser Ordnung dastanden, waren die von einer leichten Staubschicht grauen mechanischen Pulte zusammengeklappt. Und inmitten dieser Stille, in der Verlassenheit des langen schmalen Saales, wo ein Geruch nach Papier schwebte, sagte Herr La Rouquette, die Tür zuschlagend, ganz laut: »Hier ist nie jemand!«

Émile Zola: Seine Exzellenz Eugène Rougon

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Ernst Doblhofer: Die Entzifferung alter Schriften und Sprachen

8. August 2010

978-3-15-021702-3Ein kurze, gut lesbare Einführung in die Geschichte der Entzifferung antiker Schriftsysteme von den ägyptischen Hieroglyphen über verschiedene andere Hieroglyphen und Keilschriften bis hin zu Linear B. Es folgen dann noch kurze Kapitel zu nicht bzw. nur teilweise entzifferten Schriften wie Linear A, das Etruskische, die Indus- und die Osterinselschrift.

Das Buch ist für ein Sachbuch schon etwas betagt. Es wurde erstmals 1957 veröffentlicht und dann 1993 in einer Neubearbeitung erneut aufgelegt; in dieser Fassung wurde es 2008 von Reclam noch einmal gedruckt. Auch der überarbeiteten Fassung merkt man noch deutlich ihre Herkunft aus den 50er Jahren an, als Sachbücher noch versuchten, mit lebhaften Darstellungen zu glänzen. Leider bemerkt man das Alter auch an anderen Stellen:

Sayce war nicht, wie heute außerhalb Großbritanniens gerne behauptet wird, Engländer, sondern Waliser, stammte beiderseits von altadeligen und begüterten walisischen Familien ab und hatte auch das Walisische zur Muttersprache. So findet sich auch in diesem ungewöhnlichen Forscher der keltische Hang zum Grübeln und Sinnieren, die keltische Lust am fabulieren (die ihm in seinen Arbeiten so manchen Streich spielte), aber auch die impulsive Wärme und das überschäumende Temperament, das man seinen Stammesgenossen gerne nachsagt.

Zum Glück sind solche Passagen, in denen der Autor dem germanischen Hang zum Unsinnreden nachgibt, eher selten.

Insgesamt eine gute, informative Darstellung, die den Laien weder unter- noch überfordert.

Ernst Doblhofer: Die Entzifferung alter Schriften und Sprachen. Reclam Taschenbuch 21702. Stuttgart: Reclam, 22008. 350 Seiten. 9,90 €.

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Alexander Unzicker: Vom Urknall zum Durchknall

7. August 2010

978-3-642-04836-4Breit angelegte Polemik gegen das Establishment in der Physik und deren Theorielastigkeit bzw. Empiriefeindlichkeit. Das Buch ist weitgehend frei von Formeln und kann von einem interessierten Laien auch ohne tiefergehende Kenntnisse der mathematischen Grundlagen der Physik gut verstanden werden. Unzicker hebt sowohl in der physikalischen Kosmologie als auch in der Teilchenphysik die starken theoretischen Vorannahmen der sogenannten Standardmodelle heraus, zitiert ausführlich die Kritiker dieser Standardmodelle und macht sich über einzelne herausgehobene Personen des Forschungsbetriebs lustig. Seine Lieblingshassobjekte sind die Theorie der Inflation des frühen Universums und die Stringtheorie.

Für einen Außenstehenden ist das ganz witzig zu lesen, und es erhärtet den natürlichen Verdacht, dass die von zahlreichen Naturwissenschaftlern angenommene Attitüde, sie seien die einzigen rechtmäßigen Verwalter der Wahrheit auf Erden, nicht viel mehr ist als die Fortsetzung des Priestertums mit anderen Mitteln.

Eine durch und durch erfrischende Lektüre von einem selbstkritischen, aber auch recht selbstbewussten Autor.

Alexander Unzicker: Vom Urknall zum Durchknall. Die absurde Jagd nach der Weltformel. Heidelberg: Springer, 2010. Pappband, 330 Seiten. 24,95 €.

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Dennis Lehane: Shutter Island

1. August 2010

978-3-548-26194-2An den Haaren herbeigezogener Psychothriller mit einem unzuverlässigen personalen Erzähler. Die erzählte Fabel ist bis ins Detail zu unwahrscheinlich und unausgegoren, um sie hier nacherzählen zu müssen. Ich hatte überhaupt nur zu dem Buch gegriffen, da von Lehane die Romanvorlage zum Film »Mystic River« stammt, der mir gut gefallen hat. Ich hätte eben auf meine Instinkte hören und zurückzucken sollen, als ich auf der Rückseite des Buches geschrieben fand, das Buch sei »für jeden anspruchsvollen Thriller-Fan ein Muss« und das Wort »genial« gleich noch dahinter angehängt. Wenn dies tatsächlich die Lektüre anspruchsvoller Thriller-Fans darstellt, was müssen sich dann wohl die armen ohne Anspruch zu Gemüte führen?

Dennis Lehane: Shutter Island. Aus dem Englischen von Andrea Fischer. Ullstein Tb. 26194. Berlin: Ullstein, 2005. 365 Seiten. 8,95 €.

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Michael Chabon: Schurken der Landstraße

1. August 2010

978-3-462-04189-7Witzger, kleiner Abenteuerroman, in dessen Zentrum zwei jüdische Abenteurer stehen, die sich im 10. nachchristlichen Jahrhundert im Reich der Chasaren zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer herumtreiben. Zelikman, offenbar ein Regensburger Arzt, und Amram, der aus Afrika stammt, geraten durch Zufall in die Folgen eines Staatsumsturzes. Ihnen fällt der einzige Überlebende des alten Herrscherhauses in die Hände, den sie zu einem Verwandten in Sicherheit bringen sollen. Aber natürlich geraten sie zwischen alle Fronten, so wie sich das für zwei echte Abenteurer gehört. Die Fiktion ist kenntnisreich und detailliert, die Fabel genretypisch, allerdings durch einige Übertreibungen und besonders auch den tief pessimistischen Zelikman – einen Don Quijote ganz eigenen Gepräges – weitgehend ironisiert.

Angenehme, leichte Lektüre für nebenbei, dafür aber deutlich zu teuer.

Michael Chabon: Schurken der Landstraße. Eine Abenteuergeschichte. Aus dem amerikanischen Englisch von Andrea Fischer. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2010. Pappband, Karte auf dem vorderen Vorsatz, 184 Seiten. 17,95 €.

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Allen Lesern ins Stammbuch (35)

31. Juli 2010

Dann wird mit einem Mal der Staub auf den Büchern sichtbar. Sie sind alt, stockfleckig, riechen moderig, sind eines vom anderen abgeschrieben, weil sie die Lust genommen haben, in anderem als in Büchern nachzusehen. Die Luft in Bibliotheken ist stickig, der Überdruß, in ihr zu atmen, ein Leben zu verbringen, ist unausbleiblich. Bücher machen kurzsichtig und lahmärschig, ersetzen, was nicht ersetzbar ist. So entsteht aus Stickluft, Halbdunkel, Staub und Kurzsichtigkeit, aus der Unterwerfung unter die Surrogatfunktion, die Bücherwelt als Unnatur. Und gegen Unnatur sind allemal Jugendbewegungen gerichtet. Bis dann die Natur wieder in deren Büchern steht.

Hans Blumenberg: Die Lesbarkeit der Welt

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Émile Zola: Die Sünde des Abbé Mouret

30. Juli 2010

zola_rougonDer fünfte Roman der Rougon-Macquart schließt nahezu unmittelbar an den vierten, »Die Eroberung von Plassans«, an. Im Mittelpunkt steht Serge, der Sohn von François und Marthe Mouret, der im vorangegangenen Buch bereits das Priesterseminar besucht hatte und nun in dem winzigen Ort Les Artaud Priester ist. Bei ihm lebt auch seine Schwester Désirée, die zwar geistig etwas zurückgeblieben zu sein scheint, nichtsdestotrotz aber der wohl glücklichste Mensch im ganzen Roman ist. Serge Mouret scheint zuerst nur ein etwas schüchterner, den Ansprüchen seiner bäuerlich-robusten Gemeinde nicht ganz gewachsener Geistlicher zu sein, doch erweist er sich rasch als Opfer eines tiefen religiösen Wahns, der sich in einem privaten Kult der Marienverehrung manifestiert.

Überfordert von seinen seelsorgerischen Pflichten und überspannt durch seinen Wahn bricht er eines Nachts zusammen und wird von seinem Onkel, dem Doktor Pascal aus Plassans, zur Pflege in ein nahe gelegenes Refugium gebracht: das Paradou, einen ehemaligen herrschaftlichen Garten, der inzwischen verwildert ist. Dort lebt Albine, ein kaum 16-jähriges Mädchen, mit ihrem Onkel Jeanbernat, einem eingefleischten Atheisten, der das Mädchen ebenso hat verwildern lassen wie den Garten. Serge ist durch seinen Zusammenbruch seines Gedächtnisses beraubt worden und so in einen Zustand der Unschuld zurückversetzt worden. Der Prozess seiner Genesung ist eng verknüpft mit der Erforschung des riesigen Gartens und dem Wachsen der Liebe zwischen Albine und ihm. Dieser Prozess gipfelt darin, dass Albine eine geheimnisvolle Lichtung im Park entdeckt, in deren Zentrum ein uralter Baum steht. Dort lieben sich Albine und Serge zum ersten Mal, und Serge, auf diese Weise wieder vollständig gesundet, findet sein Gedächtnis wieder und muss in die Welt zurück.

Der dritte Teil des Romans resümiert den angerichteten Schaden: Serge hat sowohl seinen religiösen Glauben des ersten, als auch den unreflektierten Zugang zur Natur des zweiten Teiles verloren. Zwar erfüllt er auch weiterhin die Pflichten als Pfarrer, doch hat er seinen Marienkult zugunsten eines Kreuzkultes aufgegeben. Doch die scheinbar wiedererlangte Normalität seines Lebens wird durchbrochen, als Albine ihn in der Kirche aufsucht. Diese Begegnung löst in Serge eine massive Vision aus, in der das Kirchengebäude von der Natur angegriffen und vollständig zerstört wird. Serge ist daraufhin bereit, zu Albine ins Paradou zurückzukehren, doch erweist sich natürlich die einmal verlorene Unschuld als unwiederbringlich. Albine bereitet sich ein Sterbelager aus Blumen und vergeht zwischen ihnen. Serge nimmt zu seine Pflichten als Pfarrer wieder auf und mit der Beisetzung Albines endet der Roman.

Vielleicht macht diese Inhaltsangabe schon deutlich, dass es sich bei »Die Sünde des Abbé Mouret« um einen ungewöhnlichen Roman Zolas handelt. Neben seiner grundlegenden naturalistischen Tendenz weist er zusätzlich klar symbolistische Strukturen auf. Besonders im zweiten, mittleren Teil des Romans geraten der zur Natur verwilderte Garten und die zur Unschuld zurückgekehrten Kinder zu einer Allegorie des Paradieses. Die reine Liebe zwischen Albine und Serge verkommt aber im Laufe von Serges Gesundung, bis sich die Natur ihr Recht verschafft. In Zolas Paradies gibt es keinen personifizierten Verführer, sondern die Natur selbst ist es, die die Unschuldigen zur Sünde verführt. Wie wichtig Zola diese Allegorie war, wird nicht zuletzt dadurch deutlich, dass er aus dem in der Dorfschule unterrichtenden Klosterbruder zugleich einen Erzengel – Bruder Archangias – macht, der denn auch pünktlich am Ausgang des Paradou steht, um in Serge Adam zum zweiten Mal aus dem Paradies hinauszuweisen. Auch Désirée ist in diese allegorische Ebene des Romans eingebunden: Sie betreibt bei der Pfarre selbstständig einen kleinen Wirtschaftshof und steht mit ihrem pragmatischen Umgang mit der nützlichen Natur in der Mitte zwischen  Serges Naturphobie und Albines romantisierender Unschuld. In Désirées Welt sind Geburt und Tod notwendige Elemente im Prozess alles Lebendigen.

Es wäre aber verfehlt, »Die Sünde des Abbé Mouret« aufgrund dieser symbolistischen Tendenzen für einen nicht-naturalistischen Ausrutscher Zolas zu halten. Gerade im zentralen allegorischen Teil des Buches frönt Zola ausgiebig einem überschwänglichen Realismus: Weite Passagen der Beschreibung des Paradou lesen sich wie ein umgestülptes botanisches Bestimmungsbuch; ebenso herrscht bei der Darstellung des Gottesdienstes und der dafür nötigen Zurüstungen und Gerätschaften eine minutiöse Detailversessenheit, die nahtlos an »Die Beute« und »Der Bauch von Paris« anschließt. Und auch bei der Schilderung des Dorfes Les Artaud und seiner Bewohner lässt Zola seinen präzisen Blick nicht vermissen: Ehen sind auch hier in erster Linie eine Frage des Geldes und erst in zweiter oder dritter eine der Moral, heidnische Rituale und christlicher Glaube existieren fröhlich Seite an Seite, und in der Kirche bewundern die Bauern mehr die Eloquenz des Priesters oder die frisch gestrichenen Möbel als die gepredigten Glaubensinhalte. Und nicht zuletzt dürfte die handfeste Schlägerei zwischen Bruder Archangias und dem Atheisten Jeanbernat ein Bild von der Lage der katholischen Kirche in Frankreich zeichnen, das weder dem Bürgertum noch der Geistlichkeit gefallen haben dürfte.

»Die Sünde des Abbé Mouret« erweist sich als eine überraschende Mischung zeitgenössischer Stile und liefert trotz aller Allegorie mit der innerlich und äußerlich kleinen Welt, die er präsentiert, einen weiteren wesentlichen Mosaikstein zum umfassenden soziologischen Porträt des Zweiten Kaiserreichs.

Émile Zola: Die Rougon-Macquart. Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem zweiten Kaiserreich. Hg. v. Rita Schober. Berlin: Rütten & Loening, 1952–1976. Digitale Bibliothek Bd. 128. Berlin: Directmedia Publ. GmbH, 2005. 1 CD-ROM. Systemvoraussetzungen: PC ab 486; 64 MB RAM; Grafikkarte ab 640×480 Pixel, 256 Farben; CD-ROM-Laufwerk; MS Windows (98, ME, NT, 2000, XP oder Vista) oder MAC ab MacOS 10.3; 256 MB RAM; CD-ROM-Laufwerk. 10,– €.

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Ilija Trojanow / Juli Zeh: Angriff auf die Freiheit

25. Juli 2010

978-3-446-23418-5Breit angelegter Essay über den Rückgang bürgerlicher Freiheit seit dem 11. September 2001. Der Darstellung ist in allen wesentlichen Punkten nur zuzustimmen. Wie so oft haben es die konservativen Kräfte in den westlichen Gesellschaften verstanden, eine äußere – um nicht zu schreiben »äußerliche« – Bedrohung dazu zu benutzen, den Zugriff der abstrakten und konkreten Gewalt des Staates auf seine Subjekte auszubauen. Einerseits muss man den Autoren für den gut lesbaren Überblick über die Veränderungen des letzten knappen Jahrzehnts dankbar sein, andererseits zeigen die Veröffentlichung und der Erfolg des Buches, dass es noch viel schlimmer ist, als sie annehmen. Die Durchdringung unserer Gesellschaft durch die Kontrollorgane ist soweit gediehen, dass auch eine offene Kritik an diesem Zustand ihn nicht mehr gefährden kann. Einmal mehr ist eine Gesellschaftsordnung an einem Punkt angelangt, an dem sich politische Freiheit und Unfreiheit auch mit bewaffnetem Auge kaum mehr voneinander unterscheiden lassen.

Ilija Trojanow / Juli Zeh: Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau der bürgerlichen Rechte. München: Hanser, 22009. Broschiert, 173 Seiten. 14,90 €.

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Alan Weisman: Die Welt ohne uns

23. Juli 2010

978-3-492-25305-6Etwas zu breit geratenes, dennoch interessantes Gedankenspiel über die Zukunft der Erde unter der Voraussetzung, dass alle Menschen auf einen Schlag verschwinden. Weisman spielt das Thema an immer neuen Beispielen durch: Häuser, Städte, die New Yorker U-Bahn, Industriekomplexe, Pipelines, Kernkraftwerke, Atomwaffen und nicht zuletzt dem Panamakanal. Auch die Auswirkungen von Überfischung, Müllentsorgung und Klimaveränderung auf die Weltmeere werden thematisiert. Zugleich mit der Vergänglichkeit menschlicher Bauwerke stellt Weisman die Fähigkeit der Natur dar, besiedelte Gebiete zurückzuerobern und die Spuren der Zivilisation mehr oder weniger rasch zu beseitigen.

Wenn auch der ein oder andere Fall ein wenig zu theatralisch dargestellt wird und sich der Autor hie rund da einer überzogenen Sprache bedient, handelt es sich um ein informatives und – trotz der offenbar flüchtigen Übersetzung – insgesamt gut lesbares Sachbuch, das insbesondere die dramatische Zuspitzung des menschlichen Eingriffs in die Natur in den letzten Jahrzehnten gut dargestellt. Dass der Autor dabei letztlich sentimental bleibt und sich vor der letzten Konsequenz seiner eigenen Darstellung scheut, ist kaum anders zu erwarten.

Alan Weisman: Die Welt ohne uns. Reise über eine unbevölkerte Erde. Piper Taschenbuch 5305. München: Piper, 52010. 383 Seiten. 9,95 €.

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